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Der letzte Bus


Geschneit hat es schon vor Einbruch der Nacht, aber jetzt hebt ein Schneesturm an, der mir so heftig in die Augen fährt, dass ich beinahe die aufblendenden Scheinwerfer eines zu schnell herannahenden Lastwagens übersehen hätte.

Erleichtert springe ich in den Bus, der eben in die Haltestelle eingefahren ist. Der Bus ruckt an und ich lasse mich auf einen der hinteren Plätze fallen, während ich versuche, die Salve an roten und gelben Blitzen, die das Scheinwerferlicht des Lastwagens in meinen Augen ausgelöst hat, wegzublinzeln.

Erst jetzt fällt mir auf, dass ich allein bin. Als Notärztin mit unregelmäßigen Arbeitszeiten bin ich daran gewöhnt, den letzten Bus zu nehmen, aber ich kann mich nicht erinnern, jemals die einzige Passagierin gewesen zu sein. Unruhig wetze ich auf meinem Sitz herum, für einen Moment bin versucht, den Fahrer, den ich von meinem Platz aus kaum ausmachen kann, anzusprechen, um die beunruhigende Stille zu durchbrechen, unterlasse es aber, weil ich instinktiv spüre, dass er nicht reagieren würde.

Das Licht beginnt zu flackern und es wird dunkler um mich herum. Mein Blick streift die fleckigen Neonröhren, von denen einige erloschen sind. Ich kremple meinen Ärmel um und spähte auf die Uhr. Ein paar Minuten sind vergangen, seit der Bus die Haltestelle verlassen hat. Trotzdem habe ich das Gefühl, seit Stunden in dem Bus zu sitzen. Ich wende den Kopf zum Fenster und lege die Hand über die Stirn, um besser sehen zu können. Viel zu schnell für meine Begriffe fliegen Häuser und Straßen-laternen vorbei und ich verliere die Orientierung, kann nicht mehr einschätzen, wo wir – wo ich – mich befinde – als der Bus abrupt zum Stehen kommt. Durch den Ruck rutsche ich auf dem Sitz ein Stück nach vorn. Der Fahrer huscht wie ein Schatten hinaus in die Nacht. Verwirrt bleibe ich sitzen. Das kann nicht meine Haltestelle sein… Durch die geöffnete Tür dringt kalte Luft, ein paar Flöckchen Schnee wehen herein und geben der Szenerie etwas Wirkliches. Entschlossen stehe ich auf und bewege mich – ebenso langsam wie zuvor die anderen Fahrgäste – zum Ausgang. Der Schneesturm ist vorbei. Vorsichtig lasse ich mich über die vereisten Stufen gleiten und bleibe bis zu den Knöcheln in schlammig weicher Erde stecken. Fluchend taste ich nach dem Haltegriff an der Bustür, der sich, als ich ihn ergreifen will,in kalte Luft auflöst, so dass ich die Balance verliere und in die weiche, feuchte Erde zurückfalle.

Was passiert hier? Panisch krümme ich mich zusammen und schließe die Augen, in der dummen Hoffnung, es handle sich um einen Albtraum. Ich muss es wissen. Also öffne ich die Augen, bereit, meine Umgebung wahrzunehmen. Es ist ein Friedhof. Zum zweiten Mal in dieser Nacht werde ich von aufblitzendem Licht geblendet. Auf dem Grabstein, keinen Meter von meinem Gesicht entfernt, flammt ein Schriftzug auf. In feurigen Lettern leuchten mein Name und mein Geburtsdatum auf, gefolgt von einem weiteren Datum - dem heutigen.

Jetzt verstehe ich. Der Lastwagen. Die aufblendenden Scheinwerfer. Ich bin tot.
28.9.16 16:26
 
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